Eigentlich bin ich nicht der Typ, der an Zufälle glaubt. Ich arbeite seit zehn Jahren im Schichtdienst, in einer großen Produktionshalle vor den Toren Münchens. Mein Leben ist getaktet nach Früh-, Spät- und Nachtschicht, nach Pausenzeiten und dem Piepton der Stempeluhr. Wenn ich eines gelernt habe, dann dass Überraschungen meistens die sind, auf die man gut hätte verzichten können. Eine defekte Maschine, ein Reifenplatzer auf der Autobahn oder die Nachricht, dass der Kühlschrank den Geist aufgegeben hat. Aber der Dienstag vor drei Monaten? Der hat mir gezeigt, dass das Leben manchmal doch andere Pläne hat.
Es war eine dieser Nächte, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Die Spätschicht war vorbei, ich kam nach Hause, total erledigt, aber gleichzeitig hellwach. Dieses Phänomen kennt wohl jeder Schichtarbeiter: Der Körper ist müde, aber der Kopf rattert wie eine alte Nähmaschine. Ich setzte mich also an meinen alten Laptop, um ein bisschen abzuschalten. Keine großen Erwartungen, nur ein bisschen Surfen im Netz, um den Kreislauf runterzufahren. Irgendwie, ich weiß bis heute nicht genau wie, landete ich auf einer Seite, die mich sofort anzog. Sie hatte etwas Schlichtes, aber gleichzeitig dieses gewisse Etwas, das einen nicht mehr loslässt. Es war
vavada, eine Plattform, von der ich vorher nur mal am Rande in einem Forum gelesen hatte.
Anfangs war es nur Spielerei. Ich hab mich registriert, mehr aus Neugier als aus Spiellust. Die fünfzig Euro, die ich einzahlen wollte, waren als eine Art mentale Grenze gedacht. Eine Nacht, fünfzig Euro, das war der Deal mit mir selbst. Mehr nicht. Wenn das Geld weg ist, ist die Party vorbei, dachte ich mir. Ich hatte keine Strategie, keinen Plan. Ich klickte mich durch die Spiele, ließ mich von den Farben und der Musik berieseln. Es war ein seltsam angenehmes Gefühl, in dieser digitalen Welt zu versinken, während draußen die Nacht über der Stadt lag. Die Gedanken an die Arbeit, an den Kollegen, der mich mal wieder auf die Palme gebracht hatte, an die Rechnungen, die noch zu bezahlen waren – all das rückte in weite Ferne. Für einen Moment war ich einfach nur ich und dieser kleine, leuchtende Bildschirm.
Und dann, gegen halb drei, passierte es. Ich hatte auf gut Glück einen Einsatz erhöht, nur um zu sehen, was passiert. Nicht aus Gier, sondern aus diesem kindischen Trotz heraus. So nach dem Motto: „Na gut, dann zeig mir doch mal, was du draufhast!“ Die Walzen begannen sich zu drehen, und ich beobachtete sie mit diesem halbherzigen Blick, den man hat, wenn man schon mit dem Gedanken abschließt, dass es sowieso nichts wird. Doch dann stoppten sie. Erst eine, dann die zweite, dann die dritte. Und plötzlich explodierte der Bildschirm förmlich. Konfetti, Lichteffekte, eine Zahl, die anfing zu wachsen und einfach nicht aufhören wollte. Ich saß da, mit offenem Mund, die Tasse Kaffee in der Hand längst kalt geworden. Ich musste die Augen reiben, dachte, ich spinne. Die Zahl, die da auf meinem Bildschirm stand, war so absurd hoch, dass ich sie zuerst gar nicht erfassen konnte. Ich hab einen Screenshot gemacht. Dann noch einen. Ich hatte panische Angst, dass es ein Fehler ist, dass das Bild verschwindet, wenn ich nur blinzele.
Mein erster Impuls war, jemanden anzurufen. Aber wen um halb vier in der Früh? Meinen Bruder, der um fünf aufsteht? Meinen Kumpel, der bestimmt schon im Land der Träume war? Also saß ich da, allein in meiner kleinen Wohnung, und starrte auf diesen Bildschirm. Ich musste lachen. So ein lautes, irres Lachen, das irgendwo zwischen Erleichterung, purem Unglauben und purer Freude lag. Da war dieser Moment, dieser absolute Kick, der durch den ganzen Körper ging. Man vergisst für ein paar Sekunden, wie man heißt und wo man ist. Dieses Gefühl, wenn die Realität kurz aussetzt und nur noch der Moment zählt. Es war, als hätte das Universum beschlossen, mir genau in dieser einen, einsamen Nachtschicht am Laptop ein riesiges, fettes Geschenk vor die Füße zu knallen.
Die nächsten Stunden waren ein einziger Film. Ich hab den Gewinn natürlich nicht auf dem Konto schmoren lassen. Ich ließ ihn mir auszahlen, mit zitternden Fingern. Jede Minute, in der das Geld noch nicht auf meinem Konto war, zog sich wie Kaugummi. Ich checkte mein Online-Banking alle zehn Minuten. Als die Benachrichtigung dann endlich kam, habe ich erstmal durchgeatmet. Richtig durchgeatmet. Zum ersten Mal in dieser Nacht. Ich rief auf der Arbeit an und meldete mich krank – das erste Mal seit Jahren. Nicht, weil ich wirklich krank war, sondern weil ich einfach nicht in der Lage war, funktionieren zu müssen. Ich brauchte diesen Tag für mich, um das Ganze zu verarbeiten.
Später am Vormittag, als die Sonne schon hoch am Himmel stand, ging ich raus. Ich setzte mich in ein Straßencafé, bestellte mir einen doppelten Espresso und beobachtete die Leute. Und mir wurde klar, dass sich eigentlich nichts verändert hatte. Die Leute gingen immer noch zur Arbeit, die Straßenbahn kam immer noch zu spät, und die Tauben pickten immer noch die Brösel vom Boden. Aber für mich hatte sich alles verändert. Ich hatte auf einen Schlag mehr Geld, als ich in einem Jahr verdiente. Ich war kein anderer Mensch, aber meine Möglichkeiten waren es.
Ich hab mir von dem Geld keine Yacht gekauft oder einen Sportwagen. Ich bin nicht der Typ dafür. Aber ich habe meinen alten Vertrag bei der Bank gekündigt. Den Bausparvertrag, den ich mir nie leisten konnte, habe ich vollgemacht. Meiner Mutter, die sich immer Sorgen macht, habe ich eine Reise nach Island geschenkt, von der sie seit zwanzig Jahren träumt. Und ich? Ich hab gekündigt. Nicht im Affekt, sondern mit Bedacht. Ich habe mir ein halbes Jahr Auszeit genommen, bin einfach losgefahren, ohne Ziel, ohne Plan. Einfach um zu spüren, wie sich Freiheit anfühlt. Und manchmal, wenn ich abends in einem kleinen Hotel in den Bergen sitze oder am Meer, dann denke ich an diese verrückte Nacht zurück. An diesen Dienstag, an dem ich eigentlich nur ein bisschen die Zeit totschlagen wollte. Ich denke an den Moment, als ich das erste Mal auf vavada gelandet bin, ohne jede Erwartung. Und ich muss immer noch grinsen. Es war purer Zufall, purer Wahnsinn. Einfach nur Glück, das beschlossen hatte, für mich Nachtschicht zu schieben.